Etliche Kolumnisten in den USA und Deutschland schreiben exklusiv für die AMERIKA WOCHE

Zu den Kolumnen zählen folgende Titel:

  • Begegnung mit Edda
  • Bücher mit Wolfgang Schwanitz…
  • Sie Fragen / Wir Antworten

An dieser Stelle veröffentlichen wir einige ausgesuchte Texte, die in den zurückliegenden Wochen in der gedruckten Ausgabe der Zeitung erschienen.

Hier geht es zum Archiv

Begegnung mit Edda

Fünf Meilen zum Wurstfest

Ich schnüre die Rennschuhe zu. Sie sind neu und haben Gel als Stoßdämpfer in den Hacken. Das sollte mir genügend Schwung verleihen um den Fünf-Meilen-Lauf zu überstehen, der alljährlich zum Auftakt des Wurstfestes in New Braunfels stattfindet. Etwa 100 000 Leute werden von dem zehntägigen Blasmusikfestival Anfang November angelockt. Nur eine Handvoll davon, zirka 500, rennen sich die Lunge aus dem Leibe.

Wir haben jeder 20 Dollar Teilnahmegebühr bezahlt für das Privileg uns eine knappe Stunde lang abhetzen zu dürfen. Wie mein Mann, haben andere das Verlangen ihre Schnelligkeit mit Läufern ihrer Altersgruppe zu messen. Ich bin zwar von Natur aus nicht ehrgeizig, aber Helmut zu liebe ziehe ich mit. Daher stehen wir vor Startbeginn in warmer, nebliger Morgeluft unter den Lebenseichen im Landapark und schütteln unsere Beine aus. Die ganz Seriösen lockern sich mit kleinen Sprints am Comal Flüßchen auf. Sie gehören sicher zum Rennclub aus Houston, der fast vollzählig angereist ist. Bei ihnen und Studenten aus Austin ist der „Wurstfest-Run“ besonders beliebt. Denn nach der Preisverteilung stürzt man sich seltsam erfrischt, mit Freikarten bewaffnet, ins deutsch-texanische Polkavergnügen.

Wäre es doch nur schon soweit. Ich bin das letzte Mal im Jahr 2000 acht Kilometer gelaufen, das war für mich so unendlich lang wie ein Marathon. Damals schloss ich mich einer schnelleren Houstonerin an. Mit ihr als Schrittmacher vergaß ich Atemnot und Schmerz. Ich konnte mich sogar stoßweise unterhalten und über die drei Studenten lachen, die mal vor, mal hinter uns liefen. Je nachdem ob einer dem anderen ein eiskaltes Bier aus dem Rucksack klaute, die geleerte Dose schwungvoll in eine Abfalltonne bugsierte oder herzhaft in eine geräucherte Putenkeule biss. Für die Jungens mit den kräftigen Waden und den irren gehäkelten Bierdosenhüten waren fünf Meilen ein Witz. Ich strengte mich an und keuchte stolze neun Minuten pro Meile hin.

Das waren noch Zeiten, denke ich, und schniefe durch blockierte Nasenflügel. Während ein lederhosenbekleideter Startleiter unverständlich Lustiges ins Mikrophon ruft, schieben sich sehnige, trainierte Läufer zwischen 30 und 80 auf ihre Plätze. Bei den Männern ist die Konkurrenz in den Altersgruppen groß. Sie tragen teure, ihrem Fuß angegossene Schuhe, dünne Shorts und ärmellose Hemdchen aus Gewebe, das durchlässig ist und schnell trocknet. An meinem dreiviertellangen, blauweissgeringeltem, baumwollenen Strandanzug erkennt man von weitem den Amateur.

Vor mir sehe ich die zehn Minuten schnellere Un Sim Cox, die seit zwölf Jahren überlegen meine Klasse gewinnt. Ein Fehler, dass ich versuche die erste Meile mit ihr mitzuhalten. Bereits zwischen Wurstfesthalle und Golfplatz arbeitet mein Brustkorb wie ein Blasebalg. Nicht einmal den dicken Jungen kann ich überholen. Er verschwindet mühelos, genau wie die akkurat frisierte, in passendes rot gekleidete Blonde, die bergauf laufend Zuguckern Scherzworte zuschreit.

17 Minuten ruft mir ein Zeitnehmer nach zwei Meilen zu, das sind 8 1/2 Minuten pro Meile – viel zu schnell für mich. Ich höre das Trappeln von Müttern und Töchtern im Gespann. Zuerst passen die Älteren ihr Tempo den Jüngeren an, später kreisen die Mädels leichtfüßig um ihre Mamas herum.

An der langen Steigung zum Loop 337 muss ich kurze Gehspurts einlegen. Dabei entsinne ich mich der Britin, die beim Olympiade Marathon aufgeben musste und gerade jetzt den New Yorker gewonnen hat. Für jeden existiert halt eine Leistungsnische, deshalb winke ich dem Overall Champion zu, der nach 13 Minuten bereits die Hälfte geschafft hat. Ich bin zu schwach um nach Schrittmachern zu suchen und häkele mich im Laufschritt von einem Straßenschild zum nächsten. Nur nicht aufgeben. Minutenweise überkommt mich ein herrlich losgelöstes Gefühl: die Beine machen sich selbstständig und treiben den restlichen Körper schwerelos voran. Nur hält die wunderbare Leichtigkeit nicht lange an, dafür müsste man gut durchtrainiert sein. Noch eine Meile, ruft ein Vater, der sein Baby im Sportkarren vor sich her schiebt.

Die letzten Meter läuft Helmut neben mir. Mein leichtfüßiger Mann hat mit 44:59 Minuten den zweiten Platz belegt und ich ergattere mit 51:56 unerwartet den Dritten. Erstaunlich, sowie ich stehen bleibe, fühle ich mich pudelwohl, alles Leiden ist wie weggepustet.

Mit den anderen Läufern trinken wir Freibier vom Faß und füllen die verlorenen Kalorien mit kostenlosen Würstchen und Kuchen auf. Pearly Sowells Oma und The Oompahs Band spielt „Schön ist die Liebe im Hafen“, und dann zu Ehren der beliebten, verstorbenen Frankfurter Ironman Lady, Joanita Reed, ein „Prosit der Gemütlichkeit“.

Wir sind stets an der Meinung unserer Leser interessiert.
Schreiben Sie Ihren Leserbrief – samt Name und Wohnort – an:
info@amerikawoche.com