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Weiß-Blaue G'schichten aus dem Chiemgau
von Daniela Schröter



Bei uns in Old Bavaria gibt es Lästermäuler, die behaupten doch ketzerisch, es gäbe genau so viele Gesetze und behördliche Anordnungen, Verbote und Gebote wie Einwohner. Ich glaube ja, daß die da völlig falsch liegen, denn meiner Meinung nach regulieren (oder deregulieren) bei uns noch viel mehr Vorschriften das tägliche Leben.
Bei uns in Obing (3500 Einwohner) zum Beispiel gibt es eine Kreuzung, da stehen neben einer Fußgängerampel, hübsch verteilt, 18 (!) verschiedene Verkehrsschilder. Also, ich fahr da immer nach Gehör, weil nämlich, wenn ich warten täte, bis ich alle Schilder identifiziert hätte, ich wahrscheinlich einen Riesenstau verursacht hätte.
Groteske Bürokratie hat jetzt auch eine Freundin von mir hinter sich. Su Ling ist Koreanerin, Ärztin in einem Münchner Krankenhaus, seit 30 Jahren in Bayern und mit einem echten Bayern verheiratet. Su Ling ist auch eine leidenschaftliche Köchin, und als sie und ihr Mann vor drei Jahren einen alten Bauernhof in Obing gekauft haben, da hat sie aus ihrem Hobby eine Profession gemacht.
Liebevoll wurde die Tenne des alten Bauernhofes zu einem koreanischen Spezialitätenrestaurant umfunktioniert. Sieben Tische, Platz für maximal 35 Gäste, geöffnet immer nur am Wochenende, denn es sollte eigentlich wirklich auch ein Hobby bleiben. Nur drei Gerichte stehen auf der Speisekarte, aber das ist allemal genug, zumal für viele von den Beilagen tagelange Vorbereitung notwendig ist.
Die echte koreanische Küche ist nämlich verdammt zeitaufwendig, das habe ich von Su Ling gelernt. Die Zutaten zu ihren kulinarischen Genüssen läßt sich Su Ling auch heute noch aus ihrer Heimat schicken, sie kocht selber, serviert selber und zeigt ihren Gästen auch, wie man mit Stäbchen den Reis isst.
Aber alles kam anders. In der Klinik wurde sie befördert, und ihr kleines Lokal konnte sich vor Gästen nicht mehr retten. Irgendwie stand die zierliche Frau plötzlich zwischen zwei Stühlen. Also beschloß sie, einen koreanischen Koch einzustellen. Doch - woher nehmen, schließlich laufen Köche in Obing nicht gerade zu Hauf auf der Straße herum.
"Das Arbeitsamt". lautete ihre geniale Eingebung. Su Ling fuhr also hin zum Landesarbeitsamt (Filiale Trostberg), fragte sich dort einen ganzen Vormittag von Zimmer zu Zimmer zum richtigen Sachbearbeiter durch und kam nach Hause mit der frohen Botschaft: "Hurra, in der nächsten Woche kommen zwei Beamten des Arbeitsamtes zu uns und dann geht alles klar."
Denkste. Zwar kamen die beiden Herren im grauen Einheitseinreiher tatsächlich, aber klar war danach gar nichts. Zunächst einmal, so wurde Su Ling nach einem ersten Augenschein belehrt, handelt es sich bei diesem Restaurant nicht um ein koreanisches Speiselokal, weil es in der, wenn auch umgebauten, Tenne eines bayerischen Bauernhof angesiedelt, ein bayerisches Lokal ist. Und in ein bayerisches Lokal vermittelt das Arbeitsamt auf keinen Fall einen koreanischen Koch. Basta. Zweitens, so kamen die beiden Beamten zum Schluß, sei man zu der Auffassung gekommen, daß, nach einem Blick in die Speisekarte, bei derart wenig Auswahl ein Fremdkoch nicht vonnöten sei.
Su Ling ist eine Kämpferin und so einfach wollte sie sich nicht abspeisen lassen. Sie machte sich auf den Weg zur nächsten Instanz, dem Landesarbeitsamt in der Großen Kreisstadt Traunstein. Wieder stundenlange Suche nach dem zuständigen Sachbearbeiter, der dann - welch ein Lichtblick - großes Verständnis zeigte für das kleine Problem meiner Freundin.
Sie solle einfach ein paar bunte Lampions aufhängen, wie man das in Chinarestaurants sieht, meine er freundlich. "Wir sind koreanisch, nicht chinesisch", wagte Su Ling einen Einwand, der mit "Macht nichts, ist halt alles asiatisch" vom Tisch gefegt wurde. Su Ling wieder: "Wir haben keine bunten Lampions in Korea". Er: "Mei, sans halt a bisserl flexibel." Und dann könne Su Ling gleich auch ihre Speisekarte ein bißchen aufpeppen. So zwischen 10 und 15 verschiedene Gerichte müßten es schon sein, dann könnte sie auch ihren Koch bekommen. Und wenn sie dann ein bißchen dekoriert und ihre Speisekarte erweitert habe, ja, dann solle sie doch bitte noch einmal vorbeischauen…
Mittlerweile hat Su Ling ihren koreanischen Koch. Nicht vom Arbeitsamt - versteht sich. Alle ihre Kollegen im München und ganz Obing haben gesucht. Ein Stammgast ist dann fündig geworden. Der hat einen Kollegen, der wiederum einen Kollegen hat, dessen Bruder in Traunstein arbeitet. Und dieser Bruder wiederum hat einen Kollegen. der aus Korea kommt. Und dieser Koreaner hat in seiner Familie doch tatsächlich einen Koch, der jetzt bei Su Ling in der Küche steht.
Ende gut - alles gut? Ist nicht. Vor ein paar Tagen hat sich im Auftrag des Landesarbeitsamtes (!) das Gewerbeaufsichtsamt zu Su Ling angemeldet, um zu prüfen, ob denn "Beim Koreaner" in Obing auch alles mit rechten Dingen zugeht.

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