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Moin Moin
von Heinz Rehn



Liebe Freunde, leve Frünn,
immer wieder zieht es Menschen zu bestimmten Orten. Man kann es nicht erklären, und doch ist der innere Drang da, wie ein Trieb, der nach Erfüllung sucht.
Der eine braucht von Zeit zu Zeit den Lärm des Fußballstadions, um, wie man hier zu sagen pflegt, einmal wieder „die Sau herauszulassen“. Den anderen treibt es in das Gedränge einer Einkaufstraße, als brauche er die Nähe, die Enge anderer Menschen, als Ausgleich einer inneren Einsamkeit. Aber auch stille Orte, sei es der Schatten eines Baumes, eine bestimmte Bank am kleinen See, oder der Blick von einer Anhöhe über das weite Land, können Stätten sein, zu denen man sich immer wieder hingezogen fühlt, um das wild ausschlagende Pendel der gekränkten Seele oder des verletzten Herzens durch die unsichtbaren stillen Schwingungen der umgebenden Natur wieder in ruhige Bahnen zu lenken.
Als Kind lebte ich einige Monate ganz in seiner Nähe der Michaeliskirche im Hamburg. Der Turm dieses Gotteshauses ist der Michel, das Wahrzeichen der Stadt. Wir wohnten in einer engen Gasse. Die Straße Kopfsteinpflaster, die Fachwerkhäuser ausladend, so daß sie oben bis zu einem Meter über die Grundmauern hinweg ragten. Das alles wirkte auf mich erdrückend und trist. Freunde hatte ich noch nicht. So strolchte ich oft ziellos durch die Straßen der mir fremden Stadt oder stromerte durch die Kaufhäuser. Gerne spazierte ich auch an der Alster entlang, einem Nebenfluß der Elbe, der sich im Zentrum der Stadt zu einem kleinen See weitet und durch die Lombardsbrücke von der größeren Außenalster getrennt wird.
Glaubte ich, daß es an der Zeit sei, wieder nach Hause gehen zu müssen, so sah ich mich nur um. Erblickte ich dann den hohen, patinagrün scheinenden Turm der Michaeliskirche - und der ragte immer irgendwo über den Dächern der Stadt empor, so wußte ich die Richtung, die ich zu gehen hatte, und fand schnell den Weg zurück in bekannte Straßen.
Die Kirche ist auf einem abfallenden Gelände erbaut. Im Osten und Süden säumen starke Mauern das Bauwerk. Innerhalb dieser Wälle ist der Boden aufgeschüttet, so daß das Gotteshaus von einer ebenen Fläche umgeben ist. Einzelne Aufgänge unterbrechen die Mauern. Nur im Westen führt die Straße unmittelbar am Hauptportal vorbei.
Wußte ich an warmen, drückenden Tagen nicht, was ich anfangen sollte, weilte ich auch gerne im inneren Kreis dieser Mauern. Selten, daß tagsüber Passanten diesen Ort kreuzten. Meist war es still, und ich merkte nur wenig vom Lärm der großen Stadt. Dort konnte ich träumen und in Gedanken, fern jeder Realität, bunte herrliche Luftschlösser bauen.
Aber auch die starken äußeren Mauern der Kirche, der hohe, leuchtend grüne Turm hatten es mir angetan. Sah ich zu ihm hinauf, erschien er mir, als rage er bis in den Himmel. Ich war so klein. Er war so gewaltig, so mächtig. Zugleich aber fühlte ich, als wache er mit einer großen schützenden Hand über mich.
Dann kam die erste große Bombennacht über die Stadt. Ein großer Teil der bewohnten Umgebung wurde von Spreng- und Brandbomben zerstört. Auch wir wurden obdachlos und verließen die Stadt. Der Michel und sein Turm, das Wahrzeichen der Stadt, aber hatten den Krieg, wenn auch stark beschädigt, überlebt.
Nach dem Kriege wollte ich zur See fahren und fuhr nach Hamburg. Die Welt sehen und erleben wollen war für mich, als junger Mensch, der Traum. Aber ich war auch unsicher und zweifelte oft, ob dieser von mir gewählte Schritt der richtige war. War ich dem harten Leben der Seefahrt gewachsen? Seeleute waren grobe und rauhe Gesellen. Konnte ich da bestehen? Doch sah ich dann, von inneren Zweifeln geplagt, zum Michel hinauf, erschien er mir wie ein vertrauter Freund. Er ragte noch immer an trüben Tagen bis in die unteren Wolken, er leuchtete noch immer an hellen Tagen wie ein Licht der Zuversicht erhaben über die Trümmer der zerbombten Stadt. Dann wieder war mir, als legte er wie ein guter Vater eine Hand auf meine Schulter und sagte: „Heff Moot mien Jung, dat ward all warrn.“ (Habe Mut mein Junge, es wird schon werden.)
Kam ich in späteren Jahren nach längerer Reise elbaufwärts nach Hamburg zurück, und der Michel leuchtete mir entgegen, so war mir stets, als würde ich von ihm begrüßt: Na, Hein büst wedder dor, freut mi di mol wedder to sehn. (Na, Hein bist du wieder da, freut mich, dich einmal wieder zu sehen.)
Und als ich neulich, nach längere Zeit, mal wieder in Hamburg weilte und zu ihm hinauf blickte, war mir, als reiche mir ein Freund die Hand, der mich auf meinem Weg durch das Leben immer und immer wieder auf seine stille erhabene Art, als der Inbegriff solider Beständigkeit begleitet hat. Einen Augenblick später aber war mir, als beschämten mich meine eigenen Gedanken als hoffnungsloser Träumer. Da aber meldete sich Fiete, das zweite Ich in mir zu Wort und meinte: Selbst wenn das alles nur Träumereien sind, so sind es doch Schätze, die das einzelne Leben manchmal sehr reich machen können.
Tscha, wat seggt jüm dorto? Tschüß ok, jüm hört wedder vun mi, jüm Heinz Rehn

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