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Übrigens...
Kolumne von M Thomas


Quantitative Altersbestimmung



Stan sog genüßlich die Luft ein, als wieder eine vollbusige Joggerin hüftenschwingend an uns vorbei über die Promenade trabte und seufzte.
„Es gibt doch nichts Schöneres, als am Meer zu sitzen und die Leute zu beobachten!“
Bevor ich Zeit hatte, Alternativen abzuwägen, ergänzte er: „Und über die Leute zu lästern!“
Stan war ein guter Freund und so sagte ich nicht, daß ich lieber alleine am Meer sitze, während der Hund sich am Strand austobt oder seine Bekanntschaften mit anderen Hunden pflegt. Als fanatischer Leser weiß ich die Anwesenheit eines guten Buches und die Abwesenheit von Gequatsche sehr zu schätzen.
Auch das Leute-Beobachten mache ich eigentlich lieber alleine, denn dann konnte ich mich als Schreiberling meinen Spekulationen über mögliche Vergangenheit und Zukünfte der Leute hingeben, ohne mich dabei Kritik und Diskussionen aussetzen zu müssen.
„Nimm zum Beispiel mal die Alte mit dem Pudel da. Die beiden haben den gleichen Gesichtsausdruck, den gleichen nervös-gehetzten Blick und das Halsband des Köters hat die gleiche Farbe wie ihr Kopftuch. Vom weißen Fell mal ganz zu schweigen.“
„Und was schließen wir daraus?“, fragte ich eher mich als ihn, aber er kam mir zuvor, wobei er dieses gefährliche behäbig-philosophische Dauernicken anfing, das bei manchen Menschen Geistesschwere anzeigte wie bei anderen das zuckende Knie Nervosität.
„Die Menschen suchen sich einen Hund aus, der ihnen ähnelt ... zu jedem Topf gibt es einen Deckel ... das Schicksal bringt Seelenfreunde – soulmates – zusammen... der Mensch versucht, sich ein Ebenbild zu schaffen ... je länger Mensch und Hund zusammen sind, desto mehr ähneln sie sich.“
Er wurde unterbrochen, als ein junger Mann im rosa Jogginganzug auf Frau und Hund zutrat und sich überschwenglich bei ihr bedankte, daß sie auf seinen Hund aufgepaßt hatte, während er sich gleichzeitig von dem aufgeregten Pudel das Gesicht ablecken ließ. Die Frau winkte lächelnd ab, strich mit ihrer Linken das Kopftuch ab und schüttelte ihre lange (weiß)blonde Mähne.
„Manchmal ist es fast unmöglich, das richtige Alter zu schätzen, nicht?“, sagte Stan und starrte sehnsüchtig hinter der Blondine her, die eher zwanzig als siebzig war. Ich nickte nur – die schnellere Variante, die Zustimmung anzeigte.
„Ich meine soviele Dinge beeinflussen das Aussehen, oder? Schminke... plastische Chirurgie... Schlafmangel... Genußmittelkonsum nicht zu vergessen... die richtige oder falsche Beleuchtung.“
Als wir kurze Zeit später mit einem nassen aber sichtlich zufriedenen Hund bei unserem Haus ankamen, erzählte Stan meiner Frau von der jungen Alten.
Meine Frau, die auf alles eine Antwort und/oder Erklärung hat, zuckte nur mit den Schultern. „Heutzutage gibt es nur noch eine sichere Methode zur Bestimmung des Alters. Wieviele Pillen nimmst du, Stan?“
Mit Hilfe beider Hände antwortete er: „Morgens vier, abends sechs, nee, sieben und manchmal-„
„Mitte Fünfzig!“, sagte meine Frau knallhart und wie als Reflex zog Stan den Bauch ein und zwecks straffem Kinn die Halsmuskeln an „Stimmt, oder? Vor ein paar Jahren wärst du mit der Menge übrigens noch über siebzig gewesen. Aber keine Angst, du bist nicht der einzige. Achtzig Prozent aller Amerikaner nehmen täglich irgendwelche Medikamente, Vitamine oder Kräuterextrakte. Da willst du doch nicht zurückstehen, oder?“
Übrigens … ich MUSS die meisten meiner Pillen nicht nehmen, ich tue das rein freiwillig – zur Unterstützung meiner gesundheitlich ausgewogenen Ernährung. Wer mich also zufällig mal beim Essen mit einer Handvoll Pillen beobachtet hat, würde mein Alter nach der pillenquantitativen Bestimmungsmethode meiner Frau falsch einschätzen. Okay?!

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