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Begegnung mit Edda
Erstlingsgroßmutterdasein



Bilde ich mir das ein oder spricht er tatsächlich zwei Sprachen? "How" klingt doch einwandfrei Englisch und "Höh'" unmissverständlich Deutsch. Selbst Umlaute bereiten ihm also keine Schwierigkeiten. Zugegeben sein Vokabular ist ziemlich beschränkt, dafür wiederholt er dasselbe Wort nachdrücklich gleich mehrere Male oder verbindet sie im Sprechgesang miteinander. Dabei schwingt sich seine Oberlippe allerliebst nach oben und man ist bezaubert von soviel Charme.
Seine gesprächigste Zeit fällt unweigerlich mit Windelwechseln zusammen. Nämlich immer dann, wenn der Dreimonatige den blanken Po fröhlich in die Luft strecken und mit den festen Waden ungehindert strampeln kann. Ich stelle mir vor, dass er in die " Höh" will, weil er ziemlich viel liegt und beständig "how" fragt, weil er als angehender Journalist wissen will wie man's macht.
Eine befreundete Großmutter bescheinigte, dass ich mein erstes Enkelkind für unvergleichlich klug halten werde. Recht hatte sie! Das Sonntagskind - am 27. Juni 2004 in Geilenkirchen geboren - ist mir ans Herz gewachsen. Eigentlich mehr an den Bauchnabel, denn dort zieht es, wenn Tristan Alexander gar nicht aufhören will mit grandioser Dezibelstärke zu schreien. Stimmgewaltig brüllt er seine Koliken mit stundenlanger Ausdauer heraus. Ich hatte vergessen, dass Babys nicht nur ruhig schlummern, sonnig lächeln und Muttermilch trinken. Sondern, dass man so kleine Bündelchen mit endloser Geduld hin und her trägt bis der Schmerz vorüber ist.
Meine Tochter wunderte sich ein bisschen, wie wenig Erfahrung ich zum Erstlingsgroßmutterdasein mitbrachte. Ich malte zwar die Wiege hübsch an, komponierte ein Schlaflied und schrieb Kindergeschichten, war jedoch im interpretieren von Tristans Hunger-, Müdigkeits- und Schmerzgeschrei ebenso ahnungslos wie die frischgebackenen Eltern. Dagegen zeigte sich seine amerikanische Grandma, eine resolute, rundliche Frau mit fünf Enkelkindern, beneidenswert routiniert. Kein Wunder, denn ich hatte eigentlich nie viel Interesse für Babys gehabt und war nicht auf Nachwuchs erpicht gewesen. Einzig zu Virginias Vergnügen hatte ich gewünscht, dass sie einst, wie wir beide, später mit ihrem eigenen Kind Gedanken austauschen könnte. Und wie andere Auswanderer, deren gesamte Verwandtschaft auf einem anderen Kontinent lebte, gefiel mir die Idee, dass Virginia eine neue deutsch-amerikanische Sippe starten könnte.
Mein Mann hatte andere Erwägungen. Uncharakteristisch wehmütig erwähnte er eines Abends, dass sich ohne Nachwuchs wohl bald niemand mehr an uns erinnern würde. Nicht lang darauf kam der weittragenden Anruf: Wie gefällt Euch der Name Oma und Opa? Ich heulte zu meinem und dem Erstaunen unserer Freunde Rita und Hal elementare Freudentränen am Strand vom Golf von Mexico.
Virginias Schwangerschaft verlief ohne große Beschwerden, und der angehende Vater verhätschelte sie. Die Geburt verlief dramatischer. Mir wurde bewusst in welche Lebensgefahr sich Frauen freiwillig begeben: Da lässt ein gesundes, schönes Mädchen es zu, dass sich ihr ganzer Körper unerhört verändert und schwerwiegende chirurgische Eingriffe, wie Kaiserschnitte, drohen. Operationen, denen sich keiner freiwillig unterziehen würde, werden erwartungsgemäß von Müttern lächelnd ertragen. Ebenfalls erwartunsggemäß und ohne groß dafür bewundert (oder gar bezahlt) zu werden, tragen Frauen vom Moment der Entbindung an jahrzehntelang, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag die Verantwortung für das seelische und körperliche Wohlergehen eines Kindes.
Sicher, gute Väter schultern die Belastung tapfer mit, aber in den ersten Reihen stehen die Frauen. Sie geben Karrieren auf und verlagern eigene Sehnsüchte zugunsten eines winzigen Menschleins. Aus undurchsichtigen Gründen lässt selbst unsere aufgeklärte Gesellschaft dem mütterlichen Einsatz wenig mehr als oberflächliche Beachtung angedeihen. Sonst würden Mütter und Frauen generell schon lange nicht mehr gesetzlich zu den Minderheiten unserer Gesellschaft gezählt werden.
Es ist ein interessantes Phänomen, das wir Frauen trotz allem die Mutterschaft begrüßen. Virginia und Schwiegersohn Todd hatten mich einen Monat vor der Geburt für elf Wochen eingeladen. Ich empfand es als ein Geschenk, dass ich, wie es bei Familien in alten Zeiten üblich war, das Werden des Babys und das Werden der Eltern miterleben durfte. Nach dem Vorbild großartiger Großmütter war ich bereit durchzuhalten und zu helfen wo es nur ging. Daher stand ich mit Virginia zur nächtlichen Stillzeit auf, um Tristan hinterher sein Bäuerchen zu entlocken. Bald schlief ich fast im Stehen und bewunderte meine Tochter, die wie ein Mount Everest Bergsteiger, den kleinen Störtebeker zu jeder Stunde fütterte, trockenlegte, und ihm imme wieder erfolgreich die Tränchen trocknete.
Seitdem ich wieder in Texas bin, rufe ich jede Nacht um drei Uhr in Deutschland an, denn um 10 Uhr morgens ist Tristan Alexander am gesprächigsten. Das inzwischen dreieinhalbmonatige, 8 Kilo schwere, 67 Zentimeter große Büblein probiert mit der Zunge Bücher aus und entdeckt immerzu neue Töne. Lachgluckser sind jetzt dran, schrille Juchzer und natürlich Singen! Sobald Virginia ihrem Helden deutsche Volkslieder, Schlager und Operetten vorsingt, gakelt und quakelt Tristan begeistert mit. Lieder, die schon meine Mutter gesungen hatte, klingen bis zu meiner Seite des Atlantiks, wo ich in schläfriger Omawürde im Dunkeln am Telefon sitzte und der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft zuhöre.

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