Etliche Kolumnisten in den USA und Deutschland schreiben exklusiv für die AMERIKA WOCHE. Hier eine Archivauswahl:

 

Begegnung mit Edda
Schau mal in die Kirche rein



Die Kirchenglocke läutet blechern eine Minute lang, weckt verschämt den Sonntagmorgen im Hill Country auf. Ich mag den dezenten Aufruf zur Besinnung, denn sonst wird in Texas nicht viel gebimmelt. Unsere aus hiesigen Kalksteinen gebaute Nachbarkirche bildet mit ihrer Glocke und dem aufgesetzten, spitzen, grünspanoxidierten Kupfertürmchen eine gefällige Ausnahme. Beides gehört sonst nicht unbedingt zum texanischen Konzept.
Sicher, unsere alten mexikanischen und europäischen Kirchen weisen den traditionellen Baustil auf, aber bei neueren Gotteshäusern gibt es kaum bauliche Erkennunsgzeichen. Die moderneren garagen- oder scheunenähnlichen Bauwerke tragen lediglich ein mehr oder minder großes Kreuz am Giebel oder an der separat gebauten Anzeigentafel und Glockenklang kommt bestenfalls vom Tonband.
Ganz gleich welcher Religion eine Kirche geweiht ist, ich gehe gern hinein. Am liebsten, wenn keine Predigt im Gange ist. Das schummrige, von wenigen Lichtreflexen erhellte Kirchenschiff, trägt seinem Namen Ehre. Es liegt sicher verankert im Hafen und bietet dem nicht alltäglichen Gedanken an Liebe, Wahrheit und Vergebung einen Aufenthaltsort, einen gewissen Schutz.
Besonders betagte Gotteshäuser sind erhebend still. So still, dass man darin seinen eigenen Atem wahrnimmt und in wenigen Momenten Ruhe ein bisschen von der Hast des Lebens abzuwerfen vermag. Das ging mir so in der Berliner Gedächtniskirche, wo ich mich in der Mittagspause zu besinnen pflegte, im Frankfurter Dom, und geradeso in Schwarzwälder Kapellen oder trutzigen nordischen Kirchenfestungen.
Inzwischen findet man in der Regel die Kirchenportale meist verschlossen, um Vandalen und, wie man sieht, solch Kirchgänger wie mich herauszuhalten. Einige Ausnahmen gibt es. In San Antonio stehen die San Jose Mission und die älteste katholische Kirche in Texas, die San Fernando Kathedrale, die meiste Zeit offen. Die vielen anderen Kirchen, die an jeder Ecke sprießen, bleiben meist zu. Jede Konfession baut ihre eigenen Andachtssäle auf, und die örtlichen Glaubensgemeinschaften, nicht etwa der Staat, bezahlen aus eigener Tasche Pfarrer. Zehn Prozent vom Einkommen soll der Einzelne idealerweise für das Privileg gemeinsam zu beten hinblättern.
Manche geben sicherlich mehr, andere weniger. Fakt ist, dass eine verwirrende Zahl verschiedener Religionen in den USA etabliert sind und neue hinzukommen. Bekannte von mir, die nach Huntsville, Texas, umgezogen waren, gründeten ihre eigene kirchliche Splittergruppe, weil sie mit dem dortigen Pfarrer und der Lehre unzufrieden geworden waren. Tatsache ist ebenfalls, dass die Kirchen in den USA sehr gut besucht sind. Sonntags, mittwochs und sogar zwischendurch stellt man die Freizeit gern in den Dienst der Kirche. Das ist erstaunlich, selbst wenn man einsieht, dass in diesem weiten Amerika die Kirchen nicht nur eine religiöse sondern, wie Country Clubs, eine gesellschaftliche Einrichtung sind. Ein Volk, das den aus Wildwestzeiten stammenden Drang zum konstanten Umziehen hat, findet durch seine religiöse Zugehörigkeit in jedem Ort sofort Anschluss. Im kirchlichen Gesellschaftszirkel trifft man Handwerker, Autoverkäufer, Rechtsanwälte, Ärztinnen, eben alle auf die man angewiesen ist. Man lernt sich durch die regelmässigen Treffen schneller kennen, als das sonst in Dörfern, Vororten oder Städten möglich wäre.
Eine recht gute Einrichtung, wie auch die, dass man während des Kirchbesuchs noble Überzeugungen kultivieren darf und öfter darauf hingewiesen wird den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Das kann etwas missverstanden werden, wie ich einst feststellte. Ich befand mich damals knapp ein Jahr in den USA und trank grade einen Kaffee im Country Corner an der Ecke.
Ein freundlich aussehender dicker Mann grüßte mich und reichte mir seine Karte. Da darauf Pfarrer stand, hatte ich nichts dagegen einzuwenden, dass er, um Erlaubnis bittend, einen Stuhl heranzog. Zuerst sprach er von seiner Zeit als Soldat in Deutschland, dann über Religion. Dringend lud er mich ein zu seiner Kirche überzutreten. Erzählte Beispiele von Menschen, die dem ewigen Fegefeuer entgangen sind, weil sie ihre Überzeugung geändert haben. Das Unverständnis in meinen Augen rührte ihn zu Tränen. Leidenschaftlich erklärte er mir, dass er mich vor der Hölle bewahren wollte, denn dort landete unweigerlich jeder, der nicht seinen Glauben annahm.
Erschreckt hörte ich zu. Einerseits fand ich es nett, dass sich dieser Fremde scheinbar echte Sorgen um mein Seelenheil machte. Andererseits dachte ich an die Billionen Menschen in allen Teilen der Welt, die nie den Vorteil hatten das Credo dieses Mannes kennenzulernen. Vor lauter Unwissenheit würden all diese Völker, nach Meinung des Sekteriers, vom Himmel ausgeschlossen in ewiger Verdammnis verharren müssen.
Einen derartig unbarmherzigen Allmächtigen konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen und doch wird dieses entweder oder Prinzip von fast jeder Religion entweder kaschiert oder unumwunden verbreitet.
Das Kirchenglöcklein hat längst aufgehört zu läuten. Goethe verglich Gedichte mit Kirchen.

Wir sind stets an der Meinung unserer Leser interessiert.
Schreiben Sie Ihren Leserbrief - samt Name und Wohnort - an:
info@amerikawoche.com

Wir sind stets an der Meinung unserer Leser interessiert.
Schreiben Sie Ihren Leserbrief - samt Name und Wohnort - an:
info@amerikawoche.com