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Verschollene Meisterwerke


Verbrannt, gestohlen oder von einer frommen Verwandtschaft vernichtet - manche Bücher bedeutender Schriftsteller sind für immer verloren. Eine spannende Spurensuche.

Für den Dieb dürften die Manuskripte eine Enttäuschung gewesen sein. Doch trotz einer verzweifelten Zeitungsannonce erhielt Hemingway sie nie zurück. Für den Schriftsteller war dies eine Tragödie. «Ich nehme an, du hast von dem Verlust meiner Jugendwerke gehört», schrieb er seinem Kollegen Ezra Pound. «Du würdest natürlich sagen: "Gut" usw. Aber sag das nicht zu mir. So weit bin ich noch nicht. Drei Jahre an dem verfluchten Zeugs.» Tatsächlich sprach Pound von einem «Werk Gottes». Denn die Geschichten wären wohl schlecht gewesen, «zu gefühlsbetont», wie Hemingway selbst urteilte.

Ein «nicht geglückter Anfang», meint auch Giorgio van Straten in «Das Buch der verlorenen Bücher». Doch können wir das wirklich wissen? Natürlich ist es im Sinne van Stratens leicht, sich damit zu beruhigen, dass manche der von ihm beschriebenen verschollenen Bücher keine Meisterwerke waren. Der Menschheit wäre somit kein großer Verlust entstanden. Doch Zweifel sind angebracht, denn es sind prominente Autorennamen darunter wie etwa Lord Byron, Nikolai Gogol, Sylvia Plath und Walter Benjamin.

So muss man es durchaus als Verlust bezeichnen, dass etwa die Autobiografie Lord Byrons (1788-1824), des großen englischen Romantikers und Skandalautoren, der Nachwelt nicht mehr erhalten ist. Eine ehrpusselige und fromme Verwandtschaft, die darin die schlimmsten Enthüllungen befürchtete, ließ sie nach seinem frühen Tod vernichten.

Bedauerlich ist sicher auch der Verlust eines Mammutwerks eines weiteren Briten. Malcolm Lowry (1909-1957), der durch den Roman «Unter dem Vulkan» bekannt wurde, soll viele Jahre seines Lebens an «In Ballast to the White Sea» geschrieben haben. Das einzige, angeblich tausend Seiten starke Exemplar verbrannte 1944 bei einem Feuer in der Hütte des Schriftstellers in British Columbia. Erhalten geblieben sind nur noch wenige angekokelte Papierschnitzel, die wie Reliquien in der British Columbia University verwahrt werden. Da dies bereits die zweite Version seines Romans war, verließ Lowry daraufhin der Mut, es noch einmal zu versuchen.

Einige Geschichten haben einen geradezu kriminalistischen Touch. So hat die Suche nach einem verschollenen Roman des polnisch-jüdischen Schriftstellers Bruno Schulz (1892-1942) sogar russische Geheimdienstler und ausländische Diplomaten auf Trab gehalten. Schulz wurde 1942 im Getto seiner Heimstadt erschossen. Sein Werk «Der Messias» war da fast abgeschlossen, doch die Spur des Romans verliert sich in den Kriegswirren. Jahrzehnte später stirbt ein schwedischer Diplomat unter mysteriösen Umständen bei dem Versuch, das angeblich wiederaufgetauchte Manuskript «freizukaufen».

Eines der berühmtesten verschollenen Manuskripte überhaupt ist das von Walter Benjamin (1892-1940), das er bei seiner Flucht nach Spanien in einer schwarzen Aktentasche bei sich trug. Während des beschwerlichen Wegs über die Pyrenäen hütete Benjamin die Aktentasche wie seinen Augapfel. Der Inhalt, sagte er seinen Begleitern, müsste unbedingt gerettet werden. Doch nach Benjamins Suizid in Portbou verschwand die Aktentasche samt Inhalt. Auch van Straten rätselt: War darin die Fortsetzung seines «Passagen-Werkes», eine überarbeitete Fassung seines Aufsatzes über Baudelaire oder noch etwas ganz anderes?

Die Gründe für das Verschwinden von Büchern sind also vielfältig: Manchmal waren es Krieg und Verfolgung, dann wieder unzufriedene Erben oder sogar wie bei Gogol der Autor selbst, der sein Werk aus Frust vernichtete. Oft wurden Manuskripte ein Raub der Flammen. Zumindest das sollte heute im digitalen Zeitalter nicht mehr möglich sein.

01:46 02-01-2018




 
 
 
 
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