Sunday, September 15, 2019   Last Update: 10:06 AM EST
decrease text size increase text size
Slide background
Slide background
Suchen:      



Südosteuropa – das Komplizierte spannend erzählt


Südosteuropa und vor allem der Balkan sind in Westeuropa auch heute noch fremd, kompliziert und unverstanden. Eine neue Geschichte dieser Region hält dagegen. Und das Erstaunlichste: Geschichtsschreibung kann richtig spannend sein.

Doch es lohnt, sich mit diesem Raum zu beschäftigen. Denn Hunderttausende sind von hier in den letzten Jahren nach Westeuropa emigriert und die sechs aussichtsreichsten EU-Beitrittskanidaten liegen hier. Millionen Touristen besuchen jedes Jahr die kroatische Adria oder die Schwarzmeerküsten Rumäniens und Bulgariens. Deutschland und Österreich sind die mit Abstand wichtigsten Handelspartner.

Die beiden Regensburger Historiker Ulf Brunnbauer und Klaus Buchenau haben sich Südosteuropa noch mal vorgeknöpft. Ihr Werk ist ein fulminantes Lesebuch - auch für den nicht familiär vorbelasteten Laien. Weil es ohne den sonst üblichen Wust von Anmerkungen nur die ganz großen Entwicklungsstränge nachzeichnet, werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Länder leicht verständlich. Wobei der Schreibstil jedem guten Journalisten zur Ehre gereichen würde.

Das Besondere «dieser heterogenen, aber gleichzeitig in sich eng verwobenen Region» sei die «imperiale Prägung» des Raums durch die jahrhundertelange Herrschaft des Osmanischen und Habsburger Reiches sowie Venedigs. Kompakt wird das «vormoderne Erbe» mit Rückgriffen bis zur Antike aufgearbeitet.

Zu den Höhepunkten des Buches zählt die Darstellung des «langen 19. Jahrhunderts» mit den gut nachzuvollziehenden Analysen zur Herausbildung nationaler Identitäten. Eine zentrale Rolle bei dieser Nationenbildung spielten Sprache, historische Mythen und die Religion. Zentraler Baustein ist hier die angeblich «historische Rechtfertigung von Gebietsansprüchen».

Weil die Bevölkerungen ethnisch gemischt waren, sind «die Balkanmuslime die größte Opfergruppe der christlichen Nationsbildungen» gewesen. Mit langatmiger Faktographie halten sich die Autoren nicht auf. Die zentralen Probleme werden schlüssig erklärt durch ihre sozialen, wirtschaftlichen, technischen, kulturellen oder demografischen Antriebskräfte.

Das Kapitel über «die Transformation seit 1989» nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme ist konzentriert und fesselnd beschrieben. Allerdings bleiben die Autoren die Antwort auf die Schlüsselfrage schuldig, wie es zu den Jugoslawienkriegen (1991-1999) kommen konnte, obwohl nach ihrer Darstellung die meisten Bürger an dem Vielvölkerstaat festhielten. Nur schlicht von einem «weiteren Schub» der Nationalisierung zu sprechen, also von einer «Nationalismusthese» greift für die Ursachenforschung zu kurz.

Diese Kriege wurden vielmehr von den politischen Eliten generalstabsmäßig vorbereitet. Sie wollten damit von ihrem Unvermögen ablenken, die maroden Wirtschaftssysteme in Schwung zu bringen und so ihren eventuellen Machverlust verhindern. Diesem jahrelangen Masterplan hatte der uneinige Westen kein konsistentes Konzept entgegenzusetzen. So ließ man die Eskalation stauend-ungläubig und weitgehend tatenlos geschehen.

Kleinere Fehler kann man dem brillanten Buch nachsehen. Serbiens starker Mann Aleksandar Vucic gehörte nie wie behauptet «zur Führungsriege der Milosevic-Partei SPS», sondern ausschließlich zu den Radikalen (SRS). Für den «sozialdemokratischen» slowenischen Spitzenpolitiker Janez Jansa und dessen «Demokratische Partei» sind die Sozis ein rotes Tuch. Das gigantomanische mazedonische Neubauprojekt «Skopje 2014» ist schon längst gestoppt, was auch seit Juni 2017 für das «autoritäre System» in diesem Land gilt. Schließlich verweigern nicht vier, sondern fünf EU-Mitglieder die Anerkennung des Kosovos.

Wünschenswert wären am Ende Themen wie die Korruption bei den internationalen Kosovo-Verwaltungen (UNMIK und EULEX) als systematischer Reformhemmschuh gewesen oder die ideologischen Verschiebungen weg vom harten Nationalismus durch den kroatischen Regierungschef Ivo Sanader. Trotz allem: Die Arbeit setzt neue Maßstäbe für Gesamtschauen auf Südosteuropa und hilft Laien wie Experten, die verwirrend komplexen Strukturen der Region zu durchdringen.

01:44 20-03-2018




 
 
 
 
kinderbooks
European Deli
Washington Sängerbund
 
sb btm
 

Anzeigen

1
 
2
 
3