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Serie von Gefängnisausbrüchen: «Haus der offenen Tür» in Berlin


Zum Jahreswechsel scheinen auch viele Gefängnisinsassen in der deutschen Hauptstadt Lust auf einen Neubeginn zu haben: Sieben Häftlinge entkamen in einer Woche aus einem Berliner Gefängnis. Warum lassen sich Ausbrüche nicht verhindern?

Besonders peinlich für den Justizsenator aus den Reihen der Grünen: Nach dem spektakulären ersten Ausbruch von vier Männern am Donnerstag hatte Dirk Behrendt verstärkte Sicherheitsvorkehrungen angekündigt. Dann entkamen am Montag erneut zwei Männer aus demselben Gefängnis.

Zwischen den beiden Ausbrüchen kehrte ein weiterer Häftling nicht aus dem sogenannten offenen Vollzug zurück. Das passiert allerdings öfter mal und ist streng genommen auch kein Ausbruch. Die Berliner Opposition aus konservativer CDU, Rechtsaußen-Partei AfD und liberaler FDP spricht trotzdem von insgesamt sieben Ausbrechern und fordert den Rücktritt von Behrendt, der mit dem Senat aus Sozialdemokraten, Linken und Grünen erst seit einem Jahr im Amt ist. Auch ein Abgeordneter seines eigenen Koalitionspartners SPD twitterte ungewöhnlich deutlich: «Rekord. Wer will nochmal, wer hat noch nicht? Das wäre eigentlich ein Rücktrittsgrund für einen Justizsenator».

Die beiden letzten Ausreißer flohen durch das Fenster einer Nachbarzelle. Sie verbüßten wegen wiederholten Schwarzfahrens eine Strafe im sogenannten offenen Vollzug und durften das Gefängnis also tagsüber verlassen. Ein Sprecher des Justizministeriums kommentierte den erneuten Ausbruch lakonisch: «Dabei hätten sie das Gefängnis auch einfach am nächsten Morgen durch die Tür verlassen können.»

Einer der beiden kehrte dann bereits am Montagabend zurück. Auch von den ersten vier Ausbrechern stellte sich am Dienstag zusammen mit seinem Anwalt. Nach den fünf verbliebenen Männern wird gefahndet.

Im Gefängnis Berlin-Plötzensee mit 360 Insassen herrscht nur eine mittlere Sicherheitsstufe. Die Ausbrecher waren keine Schwerkriminellen, sondern saßen wegen Diebstahl, räuberischer Erpressung und schwerer Körperverletzung ein. Dennoch hatte besonders der Ausbruch vom Donnerstag hatte für Aufsehen und empörte Kommentare gesorgt. Die Männer zwischen 27 und 38 Jahren flohen aus einem Heizungsraum neben der Werkstatt, in der sie arbeiteten.

Mit einem Hammer zertrümmerten sie einen Betonpfosten in einer Lüftungsöffnung. Dann sägten sie die Stahlverstärkung unter dem Beton mit einem Trennschleifer durch, zwängten sich ins Freie und krochen unter dem Zaun des Gefängnisses durch. Eine Kamera, die eine Eingangspforte überwacht, filmte die Aktion. Trotzdem wurde erst später Alarm ausgelöst.

Eigentlich gelten die Berliner Gefängnisse angesichts von mehr als 4000 Häftlinge und seltenen Ausbrüche als sicher. Aber viele der oft mehr als hundert Jahre alten Gebäude haben unübersichtliche Ecken und andere Probleme.

Der Bund der Strafvollzugsbediensteten sieht einen Sanierungsbedarf von 400 bis 500 Millionen Euro. Außerdem fehle Personal. Die Wärter würden häufig keine Sicherheitsrunden mehr gehen, da die Zeit dazu fehle, sagt der Landesverbands-Chef Thomas Goiny. Auch Suchhunde und spezielle Fahndungstrupps gegen Drogen fehlten.

Größere Probleme als vereinzelte Ausbrüche von Kleinkriminellen oder Schwarzfahrern sind in den Berliner Gefängnissen Gewalt und Erpressung durch organisierte Gangs sowie die ständige Präsenz von Drogen. Über verschiedene Schmuggelwege und die Mithilfe von Besuchern, Anwälten und bestochenen Wärter gelangen Gefangene immer an Drogen aller Art. Trotz Verbots sind auch Handys weit verbreitet.

Den Ausbrechern könnte zudem eine Facette des deutschen Strafrechts im Kopf herumgegangen sein: Zwar werden die meisten Ausbrecher gefangen und verlieren Privilegien wie offenen Vollzug, einen guten Arbeitsplatz im Gefängnis oder vorzeitige Entlassung - doch die Flucht selber ist in Deutschland nicht strafbar. Schon lange verzichtet der Gesetzgeber auf einen entsprechenden Paragrafen im Strafgesetzbuch, weil es einen natürlichen Freiheitsdrang des Menschen gibt. Strafbar ist lediglich die «Gefangenenbefreiung», die Unterstützung der Flucht eines Anderen.

15:15 02-01-2018




 
 
 
 
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