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» Ohne Regen keine Ernte: Millionen Menschen in Guatemala unterernährtVon Antje Müller, dpa(Foto – aktuell)



Im Sommer regnet es wenig, das ist auch in Mittelamerika nicht ungewöhnlich. Kritisch wird es, wenn im Juni, Juli und August gar kein Regen fällt - mehrere Jahre hintereinander. Die Folge: Millionen Menschen leiden Hunger.

Conacaste (dpa) Frühmorgens, wenn der erste Hahn kräht, steht Juan Ramos Roque auf. Auf der Feuerstelle glimmt noch die Glut vom Abend, seine Frau María Argentina Lopez facht das Feuer in ihrer kleinen Hütte wieder an, wie jeden Morgen backt sie Tortillas. Ihre sechs Kinder dösen auf Matten daneben. Nach dem Frühstück macht sich der Bauer Juan auf den Weg zu seinem Feld, ein Stückchen die Schotterstraße entlang, dann geht es den steilen Hang hinauf. Das Feld des Bauern liegt ganz oben auf dem Berg, dort wo die Ärmsten ihre kleinen Parzellen haben.

Oben recken kleine Maispflanzen ihre Spitzen in den Himmel. Die Erde ist trocken und staubig. Besorgt betrachtet der Bauer den Mais. Er hofft auf Regen. «Wenn es nicht regnet, wächst der Mais nicht. Dann wächst gar nichts, kein Halm.» Das wäre fatal für die Familie, denn sie ist von der Ernte abhängig, so wie die meisten Bewohner der Gemeinde Conacaste in Guatemala.

Das Dorf liegt im sogenannten Trockenkorridor, der etwa ein Drittel Mittelamerikas bedeckt. Er zieht sich von Guatemala über Honduras und El Salvador. Die Region ist von mittlerer bis sehr schwerer Dürre betroffen. Im Juni, Juli und August ist die Trockenheit besonders stark. Lokale Statistiken verzeichnen in diesen Monaten regelmäßig besonders viele Fälle von akut unterernährten Kindern.

Juan und die anderen in der Gemeinde gehören zur indigenen Volksgruppe der Chortí. Sie sind Bauern und ernähren sich traditionell fast ausschließlich von Mais und Bohnen. Die erste Ernte des Jahres hat Juan normalerweise im August. In diesem Jahr wird er etwas Mais ernten können, denn nach der Aussaat im Juni hat es im Juli geregnet. «Es muss im Juli regnen. Wenn es im Juli nicht regnet, geht die Blüte vom Mais kaputt. Und wenn die kaputt geht, gibt es keine Ernte», sagt Alejandro Zurita. Er ist Regionaldirektor für Mittelamerika vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), der Nothilfe vor Ort leistet.

Zusammen mit einer lokalen Partnerorganisation verteilt der ASB Mais und Bohnen, außerdem Öl, Zucker und Werkzeuge für die Feldarbeit. Speziell an die Trockenheit angepasstes Saatgut soll den Bauern auch mittelfristig helfen und Erträge sichern. Wasserfilter beugen Magen-Darm-Erkrankungen vor. Das ist bitter nötig. Denn Unterernährung und Durchfallerkrankungen gehören zu den häufigsten Todesursachen im guatemaltekischen Department Chiquimula.

Die Trockenperiode dieses Jahres gilt als eine der schwersten der letzten Jahrzehnte in Mittelamerika. Sie wurde durch das Klimaphänomen El Niño verstärkt. El Niño wurde zwar Mitte des Jahres für beendet erklärt, die Auswirkungen halten in Teilen Mittelamerikas jedoch an: Millionen Menschen hungern, weil es nicht genug geregnet hat.

Ende Juni sprachen die Vereinten Nationen von 3,5 Millionen hungernden Menschen in der Region. Sie haben zum Kampf gegen die Auswirkungen von El Niño aufgerufen. Im Fokus stehen Maßnahmen zur Resilienzförderung: Die Menschen im mittelamerikanischen Trockenkorridor müssen besser gegen Naturkatastrophen wie Dürren und andere Extreme gewappnet werden.

Denn auch wenn die erste Ernte des Jahres für Bauer Juan gerettet scheint - die Lage ist trotzdem ernst. Er muss genügend Mais ernten, um seine Familie über mehrere Monate satt zu bekommen und einen Teil der Ernte für die Aussaat im nächsten Jahr aufzubewahren. Das Frühwarnsystem FEWS NET stuft die Lage in Teilen des Landes und im Nachbarland Honduras noch immer als «Krise» ein und warnt vor akuter Nahrungsmittelknappheit. Vor allem durch die starke Trockenheit der letzten Jahre sind die Menschen geschwächt und unterernährt. Reserven konnten nicht gebildet werden.

Besonders bei Kindern hat die chronische Mangelernährung dramatische Folgen: Die meisten sind für ihr Alter viel zu klein. Einige wirken schwach und antriebslos, ihre Gesichter sehen trotz der jungen Jahre alt aus. Aber nicht nur das körperliche Wachstum ist verzögert, auch die geistige Entwicklung ist eingeschränkt. Diese Wachstumsstörungen sind nicht rückgängig zu machen. Fast die Hälfte der guatemaltekischen Kinder ist mangelernährt. In einigen Regionen sind es vier von fünf Kindern.

Weggehen und woanders leben, das kommt für Juan und seine Familie nicht infrage. «Wir sind hier geboren, wir leben hier. Wo sollten wir denn hin?» fragt er. Am kommenden Tag wird er sich wieder früh zum Feld aufmachen, wie jeden Tag, außer sonntags. Da geht er in die Kirche: «Singen und beten, dass es regnet.»

04:09 16-08-2016
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