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Mord im Sumpf: «Die Gleichung des Lebens»


In Norman Ohlers historischem Kriminalroman geht es um den Kampf zwischen Tradition und Fortschritt. Seine Geschichte aus dem alten Preußen hat aber auch etwas mit uns zu tun.

Auf Befehl des Königs machen sich Deichbaumeister und Ingenieure auf den Weg ins Oderbruch. Doch dort stoßen die ehrgeizigen Pläne sofort auf Widerstand. Eines Tages findet man den Ingenieur des Königs tot im Sumpf. Ausgerechnet das Mathematikgenie Leonhard Euler soll den feigen Mord aufklären.

Norman Ohler ist vor allem als Sachbuchautor bekannt geworden. «Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich» war ein internationaler Bestseller, der in 25 Sprachen übersetzt wurde und sogar auf der New York Times-Bestsellerliste stand. In seinem neuen Buch «Die Gleichung des Lebens» knüpft er zwar auch an tatsächliche Ereignisse und Personen an, fiktionalisiert das Geschehen aber. Entstanden ist so vordergründig ein historischer Kriminalroman, eigentlich aber ein Umwelt- und Gesellschaftsroman, in dem es um den Kampf zwischen Tradition und Fortschritt, die Welt der Mythen und der Aufklärung, Bewahrung der Umwelt und wirtschaftliche Prosperität geht.

Parallelen zur Gegenwart sind dabei keineswegs zufällig. Die Tradition verkörpern in dem Roman vor allem die wendischen Fischer, die seit Jahrhunderten nach ihren Gesetzen leben und denen der Fischreichtum des Bruchs ein auskömmliches Dasein ermöglicht. Ihre Welt ist schlicht und von Mythen und Aberglauben bestimmt. Die Oberschicht bildet die Gilde der Hechtreißer, Kaufleute, die sich um die Weiterverarbeitung und Vermarktung der Hechte kümmern.

Fischer wie Kaufleute sehen sich durch die Pläne des Königs in ihrer Existenz bedroht. Sie hätten gute Motive für einen Mord. Doch Feinde hat der König auch im eigenen Haus. Sein hochverschuldeter eigensüchtiger Vetter Karl von Brandenburg ist ebenfalls gegen das Kolonistenprojekt.

Leonhard von Euler, der Schweizer Mathematiker, der unversehens zum Kommissar mutiert, ist ein Mann der Aufklärung und der Moderne. Obskurantismus, Willkür und Gewalt lehnt er strikt ab. Nur Vernunft und Logik sind seine Werkzeuge. Doch der Fall erweist sich auch für einen Vernunftmenschen wie den Professor als äußerst kniffelig. Schließlich erkrankt er schwer an einem Fieber wie zuvor schon andere Mitarbeiter des Königs. Kann es sein, dass diese rätselhafte Infektion kein Zufall ist?

Wieder gesund, rät Euler dem König von der ganzen Unternehmung ab, er solle alles lieber so lassen, wie es ist: «Auch der Sumpf, Eure Durchlaucht, kann in der Zukunft für das Land seine Berechtigung haben. Eine gesunde Population an großen Schildkröten, die das Wasser durchschwimmen, mag unbezahlbar sein.» Der Professor als früher Grüner.

Auch sonst gibt es hier und dort Bezüge zur Gegenwart. So kritisiert der Vetter des Königs dessen Ansinnen, fremde Siedler ins Land zu holen, «ungebildete Gestalten aus aller Herren Länder. Wenn wir das Land wahllos öffnen, schaffen wir es letztlich ab.» Klarer hätten es Thilo Sarrazin oder die AfD auch nicht sagen können.

Trotzdem ist dies kein politischer Thesenroman geworden. Ganz im Gegenteil. Am Ende spitzt sich die Kriminalgeschichte rasant zu bis zu einer überraschenden Auflösung. Wunderbar fühlt sich Ohler in diese fremde, ferne Welt ein. Mit Witz und Sensibilität beschreibt er das eitle, selbstsüchtige Wirken der Höflinge wie auch das zielgerichtete, vernunftgeleitete, dabei durchaus auch rücksichtslose Denken des Königs.

Und fast noch besser gelingen ihm die Passagen über die Wenden im Oderbruch. Die Naturbeschreibungen haben beinahe einen mythischen Charakter, sodass man sich fast nach dieser archaischen Landschaft zurücksehnt.

00:07 27-03-2018




 
 
 
 
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