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Kontroversen über Motiv für Selbstverbrennung in Warschau


Die Selbstverbrennung eines Mannes vor dem Warschauer Kulturpalast lässt Polen auch einen Monat nach der Tat nicht los. Klar ist, dass sich der Mann selbst anzündete. Ob er das aber tatsächlich aus Protest gegen die umstrittene Regierung tat, ist umstritten.

Demnach sah Piotr S., der an seinen Verbrennungen starb und am Dienstag in Krakau bestattet wurde, die Bürgerrechte der Polen durch die mit absoluter Mehrheit regierende Partei Recht und Gerechtigkeit PiS bedroht. Die Partei müsse umgehend gestoppt werden, forderte der Familienvater aus der südpolnischen Kleinstadt Niepolomice Berichten zufolge. «Bevor sie dieses Land völlig zerstört und uns der Freiheit beraubt haben.»

Regierungsanhänger zweifeln jedoch die psychische Stabilität des Mannes an. Sie heben hervor, dass Piotr S. an Depressionen habe. Doch laut seinen Angehörigen plante er die Tat bei klarem Verstand. «Er stand mit beiden Beinen fest im Leben», sagen sie über den Mann, der sein Leben wegen seiner Unzufriedenheit über die Regierung geopfert haben soll.

Polens Nationalkonservative stehen wegen rechtsstaatsgefährdender Reformen in der Kritik. Durch staatliche Eingriffe sei die Unabhängigkeit der Justiz gefährdet, warnt die EU-Kommission und droht Polen mit Sanktionen. Amnesty International warf den Regierenden vor, friedliche Demonstranten mit Überwachung und Drohungen unter Druck zu setzen. Medienorganisationen sehen die Pressefreiheit wegen Regierungspropaganda und Zensur in Gefahr.

Die Selbstverbrennung vor dem Kulturpalast wurde in Polen so von manchen Kritikern mit Protesten gegen das kommunistische Regime im einstigen Ostblock verglichen: Im Widerstand gegen die sowjetische Besatzung der Tschechoslowakei zündete sich 1968 der Pole Ryszard Siwiec in einem Warschauer Stadion an, 1969 verbrannte sich der Prager Student Jan Palach. Der Pfarrer Oskar Brüsewitz protestierte 1976 mit einer öffentlichen Selbstverbrennung gegen die DDR.

Dass Polens gegenwärtige politische Situation Piotr S. dazu gebracht haben könnte, sich zu töten, schockiert viele Menschen. «Es hat uns gelähmt, weil wir es nicht verstehen können», erläutert die Psychologin Joanna Chmura. Die offenbar extremen Gefühle des Mannes seien für viele nicht nachvollziehbar. Viele seien überfordert und würden sich schweigend distanzieren.

Polens Regierung sieht die Schuld am Tod des Mannes dagegen bei ihren Gegnern. Piotr S. sei Opfer oppositioneller Propaganda geworden und habe von Kritikern verbreitete Unwahrheiten über die PiS geglaubt, sagt Innenminister Mariusz Blaszczak. Vorwürfe der Gegner, seine Partei habe «Blut an den Händen», wehrt er ab: «In Polen passiert nichts, das solche Taten rechtfertigen würde».

Anders reagierten regierungskritische Medien wie die linksliberale Zeitung «Gazeta Wyborcza», die Piotr S. Tod als Heldentat bezeichnete. Groß druckte das Blatt sein Porträt - und erntete bei PiS-Sympathisanten prompt Kritik: Es sei geschmacklos, wie der Tod für politische Zwecke missbraucht werde, meinte das rechtskonservative Portal «Wpolityce».

16:11 14-11-2017




 
 
 
 
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