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Kaufvertrag unterzeichnet: Roma-Gedenkstätte ersetzt Schweinemast


Jahrzehntelang steht in Lety bei Prag eine Schweinemast auf einem früheren NS-Lagergelände. Nun kauft der tschechische Staat den Betrieb auf, um ein würdiges Gedenken zu ermöglichen. Am Donnerstag wurde der Kaufvertrag unterzeichnet.

Der Staat zahlt umgerechnet knapp 17,7 Millionen Euro für den Betrieb. Mit gut 3,5 Millionen Euro schlägt der Abriss zu Buche, der spätestens im Frühjahr beginnen soll. Ein Architekturwettbewerb wird dann über die Form eines würdigen Mahnmals für die Opfer des Porajmos, des Holocaust an den Roma, entscheiden. Dafür sind rund 800 000 Euro eingeplant. Bis zur Auflösung des sogenannten NS-«Zigeunerlagers» starben in Lety 327 Roma. Wer bis dahin überlebt hatte, wurde nach Auschwitz deportiert. Es wird geschätzt, dass insgesamt 90 Prozent der tschechischen Roma ermordet wurden.

«Das ist ein wichtiger Schritt, der eng mit Fragen der Erinnerungskultur zusammenhängt», sagte Kulturminister Herman der Agentur CTK. «Wir dürfen keine Angst haben, der Wahrheit ins Auge zu sehen, auch wenn es um schwierige Momente unserer Geschichte geht.» Der Roma-Vertreter Cenek Ruzicka hob bei der Unterzeichnung des Kaufvertrags auch die Verdienste von Menschenrechtsaktivisten und den Einsatz der ausländischen Botschaften hervor, deren Vertreter an den jährlichen Gedenkveranstaltungen teilnehmen.

Wo seine Verwandten umgebracht wurden, fand Cenek Ruzicka erst spät heraus. Menschenrechtsaktivisten brachten ihn zum Eingangstor des Schweinemastbetriebs rund 80 Kilometer südlich von Prag. «Da habe ich mir geschworen, dass an diesem Ort keine Schweinemast sein darf», berichtete er später. Erst jetzt, Jahrzehnte später, geht der Wunsch des 71-Jährigen in Erfüllung.

Nicht alle sind damit einverstanden. Mit einem Infostand reist Ruzicka durch das Land, um über die Schrecken des Lagers, in dem tschechische Aufseher arbeiteten, zu informieren. In Prag will eine ältere Frau wie viele andere Passanten auch wissen: «Was stört Sie an der Schweinezucht?» Ruzicka sagt nur: «Wo sind Ihre Verwandten begraben? - Na also.»

Ruzickas Mutter saß in dem Lager bei Pisek in Südböhmen von August 1942 bis April 1943 ein, bevor sie nacheinander in mehrere deutsche Konzentrationslager verschleppt wurde. Sie habe in Lety ihren Vater verloren und ihren erstgeborenen Sohn, berichtet Ruzicka. Ihr erster Ehemann wurde von den Nazis ermordet. Nach dem Krieg fiel über Lety gegenüber ihren späteren Kindern kein Wort. «Sie hatte Angst, dass man uns einsperrt», sagt er.

Den Auftrag hatten die deutschen NS-Besatzer gegeben, doch Wachpersonal und Lagerleiter in Lety waren Historikern zufolge tschechische Polizisten. Bis heute hält sich in Tschechien die Vorstellung, Lety sei «nur» ein Arbeitslager für Roma gewesen. Dabei hatte die Historikerin Sibyl Milton (1941-2000) die NS-«Zigeunerlager» schon 1998 als «Antechamber to Birkenau», also als Vorhof zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, bezeichnet.

In Lety, das für 300 Insassen geplant war, wurden zeitweise 3000 Menschen auf engstem Raum eingepfercht. «Der Hunger sei das Schlimmste gewesen, haben die Gefangenen gesagt», berichtet Ruzicka. Die hygienischen Verhältnisse seien katastrophal gewesen. Die Menschen hätten sich gegenseitig warmhalten müssen, um nicht zu erfrieren. Die Notdurft habe nachts in Kübeln verrichtet werden müssen. Eine Flecktyphusepidemie brach aus.

Warum ausgerechnet an dieser Stelle in den 1970-er Jahren eine große Schweinemast gebaut wurde, in der Tausende Tiere in Ställen ihr kurzes Leben fristen? Man habe das Geschehene vertuschen wollen, meint jedenfalls Ruzicka. Für die Überlebenden und ihre Nachkommen war es ein Schlag ins Gesicht. Ruzicka erklärt: «Die Pietät steht bei uns tschechischen Roma wie bei den Sinti an erster Stelle: Respekt vor den Älteren, Respekt vor den Kranken.»

14:56 23-11-2017




 
 
 
 
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