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In «Leanders letzte Reise» werden Geschichte und Gegenwart verwoben


Zwei Familien, zwei Kriege, vier herausragende Hauptdarsteller: «Leanders letzte Reise» kommt anfangs als Familiendrama daher, ist aber tiefgründiger und vielschichtiger.

Aus der Not machte das Team eine Tugend, und baute den aktuellen Konflikt in die Geschichte ein. Regisseur Nick Baker-Monteys, der auch am Drehbuch mitschrieb, verwob nun zwei Kriege auf geschickte Weise miteinander und erzählt das Ganze als Familiendrama.

Eduard Leander ist 92, als seine Frau stirbt. Verschroben und schweigsam packt der ehemalige Wehrmachtsoffizier seinen Koffer und setzt sich in einen Zug nach Kiew. Die nörgelnde Tochter Uli schickt Enkelin Adele zum Bahnhof, um den Alten aufzuhalten. Störrisch wie der ist, klappt das nicht - und Adele muss ihn unfreiwillig begleiten. Die beiden haben sich wenig zu sagen und geben sich allenfalls Kontra. Nur langsam öffnet er sich der Enkeltochter und entwickelt sie Verständnis für ihren Großvater: «Opa, ich versuch' dich zu verstehen. Ich will wissen, warum wir sind wie wir sind.»

Dabei sind die Rollen grandios besetzt: Hollywoodstar Jürgen Prochnow spielt den griesgrämigen Leander mit altersgezeichneter Maske, gebückter Haltung und wackeligem Gang. Petra Schmidt-Schaller gibt die rebellische Enkelin, die sich als Kellnerin über Wasser hält und auf der Reise eine Affäre mit Lebemann Lew (Tambet Tuisk) beginnt. Der soll für das Duo viel mehr werden als ein kurzer Wegbegleiter. In wenigen Szenen gelingt es zudem Suzanne von Borsody als Adeles kritischer Mutter und Eduards Tochter den innerfamiliären Konflikt mit kurzen, abrupt beendeten Telefongesprächen darzustellen.

Nicht nur dass der Film beispielhaft die Geschichte eines einstigen Kriegsverbrechers aufgreift, der an der Seite der Kosaken kämpfte, zum Tode verurteilt wurde und jahrelang im Gulag lebte. Überholt vom Krieg in der Ostukraine bekommt er eine zusätzliche Relevanz. In der Figur des Lew, einem in der Ukraine aufgewachsenen Russen, verdeutlichen die Macher die innere Zerrissenheit. Die mag ebenso exemplarisch für viele Betroffene stehen wie Leanders Biografie.

Doch die gewalttätigen Ausschreitungen auf dem Maidan in Kiew mit vielen Toten 2014 hielten das Team nicht auf, am Originalschauplatz zu drehen. Das Publikum bekommt ein kleines Stadtporträt geliefert und Einblicke in eine andere Kultur. Verknüpft wird das Ganze mit einer Art Roadmovie durch das Umland, wo Straßen zu Pisten werden und die Suche nach der alten Liebe einer Zeitreise gleichkommt. Die Kriegsgefahr, die im 21. Jahrhundert plötzlich wieder in Europa besteht, wird beispielsweise an einer Grenzkontrolle von Separatisten deutlich spürbar.

107 Minuten sind fast zu wenig, um all die Aspekte umfassend zu erzählen. Doch nicht zuletzt dank der tiefgründig spielenden Darsteller wird aus dem an sich schon nicht schlichten Familiendrama ein vielschichtiger Film mit mehr Realitätsbezug als erwartet.

00:03 14-09-2017




 
 
 
 
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