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Gründgens und Furtwängler – Helmut Lehtens Fiktion über die NS-Elite


Wie leichtfertig hat sich die deutsche Elite dem Nationalsozialismus hingegeben? Helmut Lethen porträtiert vier Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft, die den Pakt mit Hitler schlossen.

Berlin (dpa) Hier fand sich die Elite des neuen Regimes zusammen: Kurz nach Adolf Hitlers Machtübernahme bemächtigte sich Hermann Göring des Preußischen Staatsrats. Göring, formell noch Ministerpräsident Preußens, wollte das Staatsorgan, das in der Zeit der Weimarer Republik die preußischen Provinzen vertrat, als eine Art Beratungsgremium für Hitler etablieren. Parteifunktionäre und Ministerialbeamte, Militärs, Gauleiter und Geistliche die rund 70 Männer, die in den Staatsrat berufen wurden, gehörten zu den Aufsteigern des neuen Regimes. Sie sollten fortan Hitler dienen.

Zu den braunen Eminenzen zählen vier Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft: Der Schauspieler und Intendant Gustaf Gründgens (1899-1963), der Dirigent und Komponist Wilhelm Furtwängler (1886-1954), der Chirurg Ferdinand Sauerbruch (1875-1951) und der Staatsrechtler Carl Schmitt (1888-1985).

Mit ihrer Berufung in die rein dekorative Versammlung sollten sie dazu beitragen, das Bürgertum zu beruhigen. Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch und Schmitt standen für Geist, Ordnung und Verbindlichkeit, sie sollten dem Regime den Schein des Seriösen verleihen und die Sorge entkräften, das «Dritte Reich» bedeute einen Rückfall in die Barbarei.

In seiner Radiographie der NS-Kulturelite «Die Staatsräte» zeichnet der Germanist Helmut Lethen jetzt das Porträt dieser vier Geister: Der Mime von den Berliner Staatsbühnen, der Medizin-Star aus der Charité, der «Klangmagier» der Philharmoniker und der Jura-Professor Schmitt, der als Befürworter eines «totalen Staates» dazu beigetragen hatte, die Weimarer Verfassung systematisch auszuhöhlen.

Sehr bald nach Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 hatten sich die «Ruhmreichen Vier», wie Lethen das Quartett ironisch nennt, Hitlers Reich angepasst. Mit ihrer Ernennung zu Staatsräten standen sie unter Görings Schutz. Der Titel eröffnete den vier Männern Freiräume. Sie konnten ihre Prunksucht ausleben, ihren herrschsüchtigen und selbstverliebten Neigungen freien Lauf lassen.

Für den Autor, der bis 2016 das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien leitete und davor in Utrecht und Rostock lehrte, ist der Stoff nicht neu. Schon in seinem Hauptwerk «Verhaltenslehren der Kälte» (1994) hatte sich Lethen den intellektuellen Grabenkämpfen der Weimarer Republik gewidmet. Seine Staatsräte weiten den Blick nun auf die Zeit danach aus.

Der Kulturwissenschaftler Lethen bedient sich dabei eines Kunstgriffs, der wohl eher zu einem Roman passen würde: Er lässt seine Figuren zu Gesprächen zusammentreffen, die im realen Leben nie stattgefunden haben.

In sieben Treffen, mal in Görings Herrschaftssitz «Carinhall», in Gründgens Gut Zeesen oder in der Berliner Staatsoper, kommen der Schauspieler und der Staatsrechtler, der Dirigent und der Mediziner zu ihren «Geistergesprächen» zusammen. Er habe kein Dokument gefunden, das bezeugt hätte, dass sich die vier Männer je zu viert getroffen haben, stellt Lethen zu Beginn klar. Da aber an Originaltönen seiner Figuren kein Mangel herrsche, sei es umso reizvoller gewesen, ihre Treffen zu erfinden.

In den Runden sprechen die vier Männer über Themen, die sie bewegen: Den Schmerz (Sauerburch), die Unterscheidung von Freund und Feind (Schmitt), die Volksgemeinschaft (Furtwängler) oder die Scham (Gründgens). Lehten taucht damit in die kleine Schicht ein, die zur NS-Zeit in einer «Filterblase mit hohem Esprit» lebte verkapselt in ihren Disziplinen und den Sprachspielen ihres Berufs, in ihren privaten Obsessionen, als gäbe es das «Dritte Reich» nicht.

Der Autor beschreibt eine Gegenöffentlichkeit, wie sie etwa auch in der berühmten Berliner «Mittwochsgesellschaft» simuliert wurde, wo sich bis knapp vor Kriegsende ein Kreis von Gelehrten zu privaten Vorträgen traf vom NS-«Rassenkundler» Eugen Fischer bis zum General Ludwig Beck (1880-1944) und dem Finanzminister Johannes Popitz (1884-1945, die zu den Widerständlern des 20. Juli gehörten. 

Die Mitgliedschaft im Staatsrat, der freilich nur ein paar Mal tagte und von Hitler kaum beachtet wurde, verschaffte dem Geister-Quartett auch Freiräume. Gründgens, der besonders von Göring protegiert wurde, und Furtwängler konnten es sich erlauben, Juden vor der Verfolgung zu schützen, Sauerbruch unterstütze Emigranten in der Schweiz. Schmitt fiel bei der SS in Ungnade, konnte aber seine Berliner Professur behalten.

Lethens Buch ist die Zusammenfassung einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit seinem Gegenstand. Es lässt sich auch als Abgesang auf jene Protagonisten der «heroischen Moderne» lesen, auf all die Künstler und Wissenschaftler, die meinten, in das Rad der Geschichte eingreifen zu können. In ihren «Echokammern» hätten sie sich aber gleichgültig verstrickt, lautet dann am Ende Lethens Fazit.

00:10 27-03-2018




 
 
 
 
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