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Feridun Zaimoglu über seinen Luther-Roman: «Ich liebe den Wortrausch»Interview: Dorothea Hülsmeier, dpa


Der türkischstämmige Autor Feridun Zaimoglu hat ein sprachgewaltiges Buch über Martin Luther geschrieben. Dafür eignete sich Zaimoglu die lutherische derbe Sprache an. «Wohnzimmertauglich» ist Zaimoglus Luther nicht.

Frage: Sie sind bekennender Muslim, aufgewachsen in Deutschland. Ihre Muttersprache ist Deutsch. Was hat Sie an dem christlichen Kirchenspalter Martin Luther interessiert?

Antwort: Für die einen ist er ein Kirchenspalter, für die die anderen ist er ein frommer Gottesmann. Er ist vor allem eine deutsche Geistesgröße. Da sind wir dann auch bei der Sprache. Es wird immer gesagt, er habe die Heilige Schrift verdolmetscht. Man rühmte Luther wegen seiner Übersetzerkunst und Sprachmacht. Ich bin begeistert von Luther. Ich habe die Luther-Bibel schon mit 12 oder 13 Jahren gelesen. Ich liebe den Wortrausch, auch wenn ich vieles damals nicht verstanden habe. Es geht auch gar nicht um das Verstehen, sondern um die Aufforderung «Verlasse deine Welt und tritt ein in eine andere Welt». Ich brannte dafür, ein Buch über Luther zu schreiben.

Frage: In ihrem Roman stellen Sie ihn auch als aufbrausenden Menschen dar, der Teufelsanfechtungen ausgesetzt ist.

Antwort: Der wohnzimmertaugliche Luther mit seinem netten Kräutergarten ist selbstverständlich eine Verzeichnung. Man ist dann erschrocken, wenn sich dieses unhistorische falsche Luther-Bild nicht mit dem tatsächlichen Luther verträgt. Alles ist ja überliefert worden. Wir können uns ein genaues Bild von diesem Luther machen.

Frage: Was fasziniert Sie besonders an Luther?

Antwort: Er hat den Kopf hingehalten, das fasziniert mich an ihm. Er gehörte nicht zu den üblichen Pharisäern und Philistern. Er war ein sehr mutiger Mensch. Man muss ihn nicht mögen oder hassen. Man muss aber feststellen, dass nicht jeder gemacht hätte, was er in seinen frühen Jahren gemacht hat.

Frage: Glauben Sie, dass sie kritisiert werden, weil Sie als Moslem über Luther schreiben?

Antwort: Es geht mir nicht um Provokation oder um eine Einmischung. Sondern das hier ist mein Land, Deutschland. Deutsch ist mir zu Muttersprache geworden. Ich habe dieses Buch geschrieben, um kenntlich zu machen, was das für eine Welt war, in der Luther lebte. Mit den heutigen Begriffen kann man die nicht verstehen. Ich habe es mir nicht leicht gemacht, ich habe Luther ernst genommen, weil er für mich eine ernstzunehmende Größe ist.

Frage: Die Welt in «Evangelio» ist grausam, brutal, düster-mittelalterlich. Keine Spur vom aufkommenden Humanismus oder der Renaissance.

Antwort: Die Renaissance betraf die Reichen. Das einfache Volk war arm. Nicht nur im deutschen Spätmittelalter, sondern auch in anderen europäischen Ländern war von der Renaissance, abgesehen von den Höfen, herzlich wenig zu spüren. Tatsächlich müssen wir uns eine christliche Welt vorstellen. Alle Menschen waren mit den christlichen Bildern vertraut. Und angesichts der Armut, des Elends, der Krankheit, der Pestilenz, der Gewalt glaubten sehr viele daran, dass das Weltende nicht fern war.

Frage: Die Sprache in «Evangelio» ist schwer zu verstehen, oft muss man ein Wörterbuch zu Rate ziehen, um alte Ausdrücke wie «Menschenschmalz», «Bader» oder «stäupen» zu verstehen.

Antwort: Man kann die Welt zur Zeit Luthers und diesen Glauben nicht verstehen, wenn man sich nicht die Mühe macht - und es ist mit Mühe verbunden - die Sprache zu verstehen. Alles entzündete sich für Luther am Wort. Das habe ich ernst genommen. Wenn es ihm um die bessere Lesbarkeit der Heiligen Schrift ging, dann musste es für mich darum gehen, in dieser Sprache zu schreiben, die eine Herausforderung für die heutigen Menschen ist. Wenn es eines Beweises bedurfte, dass ich es wirklich ernst meine mit meinem Satz «Deutsch ist meins», dann soll man das Buch lesen. Es ist kein hohles Bekenntnis: Deutsch ist die Sprache meiner Seele.

Frage: Für die Leser ist das Buch ein ziemliches Stück Arbeit.

Antwort: Die Menschen haben den Hang, alles wohnzimmertauglich zu machen. Der Roman zeigt natürlich nur einen Ausschnitt, und es sind mir sicher auch Fehler unterlaufen, aber ich kann mich nicht von dem Harmoniegesäusel gewisser ökumenischer Gesänge ablenken lassen. Ich habe mir vorgenommen, Schrecken und Schauder der damaligen Zeit zu beschreiben, um die Leistung dieses aufbrausenden Gottesmannes Luther zu würdigen. Ihr wollt wissen, wie es Luther ging, dann quält Euch bitte.

ZUR PERSON: Feridun Zaimoglu (52) wurde im anatolischen Bolu geboren und lebt seit seinem sechsten Lebensjahr in Deutschland. Der vielfach preisgekrönte Autor hatte seinen Durchbruch mit «Kanak Sprak» über die Sprache junger türkischer Männer. Erfolgreich waren wurden auch seine Romane «Leyla» und «Liebesbrand». Zuletzt erschien der Istanbul-Roman «Siebentürmeviertel». Sprache ist für den in Kiel lebenden Zaimoglu das Wichtigste - Computer und Internet würden sie nur versaubeuteln, daher schreibt er nur auf der Schreibmaschine oder mit der Hand.

02:09 21-03-2017




 
 
 
 
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