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Falscher Ruhm: Der Debütroman «Liebwies»


Eine Sängerin, die nicht singen kann, wird umjubelter Opernstar. Dafür bleibt eine geniale Komponistin unentdeckt. Irene Diwiak schreibt einen verrückten und bitterbösen Roman über Eitelkeit, Selbstinszenierung und gestohlenen Ruhm

Auch darin geht es um eine unbegabte Sängerin, die aufgrund rein äußerlicher Vorzüge und verrückter Kapriolen plötzlich zum umschwärmten Opernstar wird. Um das Ganze noch auf die Spitze zu treiben, hat die österreichische Autorin (Jahrgang 1991) diese Geschichte mit einer zweiten verwoben, bei der eine begabte Komponistin auf schamlose Weise um ihren Ruhm betrogen wird.

Diwiak hat ihren Roman mit reichlich Lokal- und Zeitkolorit ausgestattet - «Liebwies» spielt in den 20er Jahren in Österreich - und doch ist das Thema absolut zeitlos, vielleicht sogar aktueller denn je. Denn was bedeutet Talent noch im Zeitalter der Selbstinszenierung durch Selfies und Youtube?

Die Szenerie ist vor allem am Anfang in dem verwunschenen Dorf Liebwies geradezu märchenhaft, und zauberhaft ist ja auch das Schicksal des Bauernmädchens Gisela, das ohne eigenes Zutun aus der tiefsten Provinz in die Hauptstadt expediert und dort zur Sängerin aufgebaut wird. Die große Stimme hat eigentlich ihre Schwester Karoline. Doch als der Lehrer Köck seine Entdeckung dem bekannten Wiener Musikexperten Christoph Wagenrad präsentieren will, verguckt sich dieser in die schöne Gisela. Die hat zwar nur ein dünnes Stimmchen, trotzdem erzwingt Wagenrad ihre Aufnahme in ein Konservatorium.

Ja, Gisela bekommt sogar ihre eigene Oper, allerdings darf sie als Hauptdarstellerin darin so wenig wie möglich singen, deshalb der Titel «Die stumme Gräfin». Die Oper soll der Wagner-Verehrer August Gussendorf liefern. Der eitle Dichter rühmt sich zwar seines musikalischen Genies, doch tatsächlich hat er noch nie etwas in seinem Leben komponiert. Zum Glück jedoch hat er ja seine Ida. Die unscheinbare, stille Ehefrau ist nämlich eine exzellente Komponistin, allerdings wegen des Verbots ihres Mannes zur Heimlichkeit gezwungen. Doch nun bedient sich Gussendorf ungeniert ihrer Werke, um die ihm drohende Blamage abzuwenden.

«Die stumme Gräfin» wird ein Riesenerfolg, zwei Hochstapler sonnen sich so im Glanze ihres falschen Ruhms. Die Welt will eben betrogen sein. Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende... Diwiaks Roman ist in mehrerer Hinsicht ein erstaunliches Debüt. Zunächst einmal gelingt es ihr, einen ganz eigenen, nostalgisch angehauchten Mikrokosmos zu schaffen, der in manchen Aspekten an ihre junge Kollegin Vea Kaiser und ihren «Blasmusikpop» erinnert - vor fünf Jahren ebenfalls ein Überraschungserfolg.

Die ganze hier geschilderte etwas schrullige Gesellschaft scheint ein bisschen aus der Zeit gefallen zu sein, mehr dem 19. als dem 20. Jahrhundert anzugehören. Vor allem aber hat Diwiak Talent für Satire und karikaturistische Überspitzung. Besonders die Männer sind Opfer ihrer bissigen Attacken. Schonungslos legt sie deren Schwächen bloß. Sie sind eitel, prahlerisch, chauvinistisch und dabei innen ganz schön hohl.

«An manchen Tagen», heißt es etwa über den Dichter Gussendorf, «konnte er kaum schreiben, weil ihn die Faszination für seine eigene vielschichtige Persönlichkeit davon abhielt. Sein Geist war so groß, dass nicht einmal er, der Herr der Buchstaben, Worte dafür finden konnte.» «Liebwies» ist eine Entdeckung, ein unterhaltsamer, witziger und auch ein bitterböser Roman über ein durchaus ernstes Thema: die Verlogenheit des Ruhms.

01:04 21-11-2017




 
 
 
 
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