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» Deutsche Schuld: junge Namibier wollen Zukunft, keine EntschädigungVon Andrea Döring, dpa(Foto – Archiv)



Brutale deutsche Kolonialherren haben in Namibia tiefe Wunden hinterlassen. In New York wird auf Schadenersatz geklagt. Doch in der deutschen Schule in Windhuk büffeln heute Nachkommen von Opfern und Tätern zusammen. Die schwierige Vergangenheit ist hier weit weg.

«In der Schule reden wir über den Völkermord und das Verhältnis zwischen Namibia und Deutschland», sagt Schülerin Muna Muetudhana. Die Familie der 16-Jährigen gehört zur Volksgruppe der Herero, die von deutschen Soldaten vor gut Hundert Jahren fast völlig ausgerottet wurde. Jetzt ist sie eine von rund 1000 Schülern der Deutschen Höheren Privatschule Windhuk, die zu den besten Schulen des Landes gehört. Bei ihren Eltern sei die schwierige Vergangenheit eigentlich kein Thema mehr. «Nur meine Großeltern erzählen manchmal etwas».

«Berlin 11 000 Kilometer» steht auf einem Wegweiser am Eingang der Schule - und das obwohl die meisten Schüler noch nie in Deutschland waren. Gut zwei Drittel der Schüler der Klassen 1-12 sind deutschstämmig, das heißt sie haben mindesten einen Elternteil mit deutschen Wurzeln, wie Schulleiterin Kristin Eichholz erklärt. Ob schwarz oder weiß, die Schule ist nur eine Option für Kinder wohlhabender Eltern: Stipendien gibt es nur ein paar Dutzend und die Schulgebühren liegen etwa bei 3000 bis 4000 Euro pro Jahr.

Für manche Schüler der schwarzen Minderheit an der Schule ist die Vergangenheit nicht nur Geschichte. «Mein Uropa war Deutscher, mein Onkel, Chief Koima Riruako, ein wichtiger Herero-Stammesführer», erzählt die 20-jährige frischgebackene Abiturientin Ngambui Riruako. Als einziges schwarzes Mädchen in der Klasse des deutschsprachigen Zweigs habe sie immer zwischen den Stühlen gesessen. «Reparationen sind für mich nicht so wichtig. Besser wäre es, Schulen zu bauen, um die Beziehungen zwischen den Volksgruppen zu verbessern», meint sie.

In Namibia gibt es heute Schätzungen zufolge nur noch rund 14 000 Deutschsprachige, doch sie bilden eine einflussreiche und wohlhabende Minderheit. Zudem erinnert in Windhuk noch heute vieles an die deutsche Kolonialherrschaft (1885 bis 1915): Straßennamen wie «Bismarck», ein Kriegerdenkmal für deutsche Soldaten, zudem gibt es in dem Land im Südwestzipfel Afrikas mit der «Allgemeinen Zeitung» die einzige deutsche Tageszeitung außerhalb Europas.

Das Kaiserreich ging skrupellos vor, um die Herrschaft im sogenannten Deutsch-Südwestafrika zu festigen. Widerstand wurde niedergeschlagen - bis hin zum Völkermord an den Stämmen der Herero und Nama (etwa 1904 bis 1908). Experten schätzen, dass rund 65 000 von 80 000 Herero und mindestens 10 000 von 20 000 Nama getötet wurden. Historiker sehen darin den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Berlin hatte den Begriff «Völkermord» jahrzehntelang vermieden, auch um Forderungen nach Entschädigungszahlungen zu verhindern. Erst 2015 rang sich die Regierung durch, das Schicksal der Herero offiziell als Völkermord zu bezeichnen. Seither laufen Verhandlungen zwischen Berlin und Windhuk, um eine gemeinsame Sprachregelung zu finden und die «Wunden zu heilen». Dafür will Deutschland auch verschiedene Projekte in Namibia finanzieren, bislang gibt es aber noch keine Einigung auf eine Summe. Eine direkte Wiedergutmachung, sogenannte Reparationen, für die Nachkommen der Opfer lehnt Deutschland ab. Eine 2017 von Nachfahren der Opfer in New York eingereichte Schadenersatzklage hält die Bundesregierung für unzulässig.

Bedarf für Hilfsprojekte gibt es in Namibia indes genug. Die Kluft zwischen arm und reich - und das heißt zumeist zwischen Schwarzen und Weißen - ist in Folge von Kolonialherrschaft und der jahrzehntelangen rassistischen Apartheid-Politik immer noch dramatisch. Seit der Unabhängigkeit von Südafrika 1990 haben die 2,5 Millionen Namibier die gleichen Rechte, es bleibt die wirtschaftliche Kluft. «Bis auf Ausnahmen bleibt jeder für sich ... reich bei reich und arm bei arm», erklärt Autor Bernhard Jaumann, der drei Namibia-Romane geschrieben hat. Die deutsche Schule setze da einen guten Kontrapunkt: Sie sei «ein Schmelztiegel für die Ethnien des Landes», meint Jaumann.

Namibia hat eine junge Bevölkerung: Gut 40 Prozent der Menschen sind der Weltbank zufolge unter 18. Sie wurden fast ein Jahrhundert nach dem Völkermord geboren. Der Konflikt um Reparationen ist daher auch ein Generationenkonflikt: Den Alten geht es um Besitz und Land, den Jungen um Bildung und Zukunft. Auf dem Pausenhof der deutschen Schule träumen schon jetzt viele von einem Studium in Europa: Riruako will in Deutschland studieren und Journalistin werden, Muetudhana möchte dort Luftfahrttechnik studieren.

05:04 23-03-2018
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